Malawi: Part 1 – Bho Bho, Holy Family?

Für diesen Eintrag hab ich lange gebraucht. Einmal, da die Stromsituation durch das Ende der Trockenzeit mit aufgebrauchten Wasserkraftreserven zu wünschen übrig lässt, aber vielmehr da ich nicht so ganz wusste, wie genau ich über meinen Famulaturmonat im Holy Family Mission Hospital berichten soll. Denn zuerst einmal möchte ich vorweg etwas anmerken: Die Gesundheitsversorgung in Malawi ist schlecht und das hat viele leider nur schwer lösbare Gründe. Davon möchte ich ehrlich berichten. Da es aber auch eine andere Seite gibt, nämlich zB. eine spannende Famulatur mit einem tollen Miteinander auf den Stationen, gibt es hier noch Teil zwei: Bho Bho, Famulatur? der sich dann vielmehr darum geht. In diesem Eintrag geht es nämlich vor Allem um die generelle Struktur des Gesundheitssystems und die sich daraus ergebenen Probleme. So ergibt sich hoffentlich ein rundes Bild. Denn trotz vieler Schwierigkeiten, versuchen alle, ihre Patienten nach bestem Gewissen adäquat zu versorgen – Hier also der Versuch, die letzten Wochen ein wenig zusammenzufassen.

Das Holy Family Mission Hospital hat etwa 200 Betten und liegt fünf Kilometer vom Dorf Phalombe entfernt. Neben dem Krankenhaus gibt es ein paar Wohnungen für Angestellte, ein paar kleine Markstände mit den nötigsten Grundnahrungsmitteln (Reis, Süßkartoffeln, Spaghetti, Tomate, Zwiebeln, Knoblauch, Mango, Räucherfisch und manchmal bspw. Gurken) und dann ein kleines Kloster, in dessen Innenhof wir gemeinsam mit ein paar netten Nonnen wohnen. Das war es dann auch schon. Dafür thronen direkt neben uns die hohen Berge des Mulanje Massives. Es ist wirklich ein wunderschöner Ort.

Das Krankenhaus hat wie viele andere im District Phalombe folgendes elementares Problem: Es gibt schlicht und ergreifend einfach keinen einzigen Arzt, der regelmäßig für das Krankenhaus zuständig ist! Dr. Sam ist zwar ab und zu sporadisch da, betreut aber als einziger Arzt der gesamten Provinz 16 Krankenhäuser gleichzeitig! Um den eklatant großen Ärztemangel in Malawi irgendwie zu kompensieren (es gibt im gesamten Land jedes Jahr nur 60 Medizinstudierende auf 18 Millionen Menschen und viele wandern nach Europa aus), hat die Regierung die Ausbildung zum Medical Clinician initiiert. Das ist eine Kurzausbildung für drei Jahre plus ein Jahr Praktikum, die den Clinician dazu befähigen soll, anhand eines vorgegebenen Buches die wichtigsten Krankheitsbilder zu erkennen und zu behandeln. Alles genau nach landesspezifischen Guidelines.

So können die häufigen Krankheitsbilder wie Malaria, Pneumonie, Schistosomiasis und Mangelernährung auch gut behandelt werden. Besonders im OP, in dem sehr viele Auskratzungen und Kaiserschnitte, aber auch Uterusentfernungen und Bauch-OPs durchgeführt werden, wird ziemlich gut gearbeitet, da die Ausbildung der Clinicians sehr praktisch orientiert abläuft. Insbesondere durch die hohe Geburtenrate herrscht viel Expertise im Bereich Geburtshilfe. Allerdings scheitert es im Alltag häufig leider schon am Stellen der richtigen Diagnose. Krankheitsbilder, zu denen in der Ausbildung nichts behandelt wurde, können natürlich auch nicht erkannt und behandelt werden. Da kann man keinem Clinician einen Vorwurf machen, hier fehlt einfach leider dann der ausgebildete Arzt.

Ein weiteres Problem stellen natürlich auch die begrenzten diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten dar. Für Notfallszenarien ist das Holy Family schlichtweg nicht ausreichend medikamentös, materiell sowie personell ausgestattet. So kann jeder Notfall eigentlich maximal symptomatisch behandelt werden und die einzige konsequente Möglichkeit wäre eine schnelle Verlegung in ein größeres Zentrum – das geht grundsätzlich. Allerdings kann immer ausschließlich an das nächstgrößere Zentrum überwiesen werden, auch wenn die Therapie nur im Spezialzentrum möglich wäre. So geht bei Diskussionen um das richtige Vorgehen, bei bspw. Bei einem akuten Darmverschluss durch Diskutieren und viel Hin- und Her natürlich viel zu viel Zeit verloren.

Dies ist auch im normalen Tagesablauf ein Problem. Ein Mädchen, bei der wir eine akute Leukämie vermutet haben mit bereits katastrophalen Blutwerten müsste dringend in die Onkologie nach Blantyre -nur da gibt es bspw. Fresh Frozen Plasma und Therapien. Dazu muss sie aber erst nach Zomba. So gehen dann viele Tage vorbei – und ob sie eine Therapie dann überhaupt erhalten kann, ist fraglich. Denn insgesamt muss man schon sagen, können Maligne Tumorerkrankungen und Chronische Krankheitsbilder wie eine Herzinsuffizienz kaum behandelt werden.

Das ganze System kann also ziemlich frustrieren. Malawi hat das schlechteste Gesundheitssystem aller stabilen Länder der Welt. Nichtsdestotrotz ist mir in den letzten Wochen noch einmal klargeworden, wie eklatant wichtig eine gute Ausbildung von medizinischem Fachpersonal in allen Versorgungsbereichen ist. Es ist zwar schön, wenn es ein EKG gibt, aber wenn keiner es vernünftig benutzten kann, steht es nur in der Ecke rum. Und wenn man zwar zahlreiche Röntgenbilder machen kann, braucht man jemanden, der die Konsequenzen des Bildes auch am Patienten anwenden kann.

Nina, Joël und ich haben uns ein Teil des Problemes durch die von uns benannte „Rotation des Grauens“ erklärt: Deutsche Ärzte gehen wegen besserem Lohn in die Schweiz, aus Osteuropa werden dann Ärzte für Deutschland angeworben. Dort wo es dann in Europa zu Lücken kommt, begrüßt man die malawischen Ärzte. Und dann gehen die Studenten nach Malawi zum PJ oder Famulatur und stehen auf einmal alleine auf der Station.

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